Kunststoffrohre gehören seit Jahrzehnten zur Standardausstattung in deutschen Haushalten – ob für Trinkwasser, Heizung oder Abwasser. Eine aktuelle Untersuchung des Fraunhofer-Instituts rückt nun einen Aspekt in den Mittelpunkt, der viele Hausbesitzer aufhorchen lässt: die mögliche Freisetzung von Mikroplastik aus Kunststoffrohrleitungen im eigenen Heim. Gerade jetzt, zu Beginn des Frühjahrs, wenn Heizungsanlagen nach dem Winter auf Verschleiß geprüft werden und Renovierungsarbeiten anlaufen, stellt sich für viele die Frage, wie groß das Risiko tatsächlich ist.
Die Studie liefert erstmals differenzierte Messdaten dazu, unter welchen Bedingungen Kunststoffrohre Mikroplastikpartikel abgeben – und wie stark die Belastung je nach Rohrtyp, Wassertemperatur und Nutzungsdauer variiert. Was das für die eigene Hausinstallation bedeutet, welche Rohrmaterialien besonders im Blick behalten werden sollten und welche Maßnahmen Hausbesitzer sinnvoll ergreifen können, zeigt dieser Artikel auf Grundlage der vorliegenden Forschungsergebnisse.
| Optimale Prüfsaison | Frühjahr (März–Mai) |
| Betroffene Bereiche | Trinkwasserinstallation, Heizungsrohre, Abwasserleitungen |
| Handlungsbedarf | Mittel – abhängig von Rohrmaterial und Baujahr |
| Empfohlene Prüfintervalle | Alle 5–10 Jahre durch einen Fachbetrieb |
Was die Fraunhofer-Studie konkret gemessen hat
Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) hat in Laborversuchen verschiedene handelsübliche Kunststoffrohre unter praxisnahen Bedingungen untersucht. Dabei wurden sowohl PVC-Rohre (Polyvinylchlorid) als auch PEX-Rohre (vernetztes Polyethylen), PP-Rohre (Polypropylen) und PB-Rohre (Polybuten) analysiert. Das Ergebnis: Nahezu alle untersuchten Kunststoffmaterialien setzen unter bestimmten Bedingungen messbare Mengen an Mikroplastikpartikeln frei – also Partikel mit einem Durchmesser von weniger als fünf Millimetern, häufig sogar im Nanometerbereich.
Entscheidend für die Intensität dieser Freisetzung sind laut der Studie drei Hauptfaktoren: die Wassertemperatur, der Druck innerhalb der Leitung und das Alter des Rohrmaterials. Besonders ältere Rohre, die seit mehr als 20 Jahren in Betrieb sind, zeigen eine deutlich erhöhte Partikelabgabe. Bei Warmwasserleitungen, die regelmäßig mit Temperaturen über 60 °C betrieben werden, wurden die höchsten Freisetzungsraten gemessen. Die Forscher weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die gesundheitliche Bewertung dieser Befunde noch aussteht und weitere Langzeitstudien notwendig sind.
Welche Rohrmaterialien sind besonders betroffen?
Nicht jeder Kunststoff verhält sich gleich. Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Materialklassen:
- PVC-Rohre: Vor allem ältere, weichmacherhaltige PVC-Leitungen aus den 1970er und 1980er Jahren zeigen erhöhte Abriebwerte. Moderne PVC-U-Rohre (unplasticized PVC, also ohne Weichmacher) sind stabiler, werden aber in Trinkwasserinstallationen heute kaum noch eingesetzt.
- PEX-Rohre: Weit verbreitet in Fußbodenheizungen und Trinkwasserinstallationen. Die Studie stellt fest, dass vor allem mechanischer Abrieb durch Druckschwankungen zu Partikelabgabe führen kann – besonders in älteren Anlagen mit unregelmäßigem Wasserdruck.
- PP-Rohre: Polypropylen-Rohre schneiden im direkten Vergleich etwas besser ab, zeigen aber ebenfalls messbare Partikelfreisetzung bei hohen Temperaturen.
- Mehrschichtverbundrohre: Diese kombinierten Systeme aus Kunststoff und Aluminium weisen laut Studie geringere Freisetzungsraten auf und gelten derzeit als Alternative mit günstigerem Profil.
Trinkwasser im eigenen Haus: Wie groß ist das Risiko wirklich?
Die Datenlage muss nüchtern eingeordnet werden. Die gemessenen Partikelmengen liegen in den meisten Alltagsszenarien unterhalb der Grenzwerte, die das Umweltbundesamt (UBA) für bedenklich hält. Trotzdem empfehlen die Fraunhofer-Forscher, bestimmte Verhaltensweisen im Alltag anzupassen – nicht aus akutem Alarm, sondern aus dem Grundsatz der Vorsorge (Vorsorgeprinzip).
Hausbesitzer, deren Installation aus den Jahren vor 2000 stammt und bislang nicht erneuert wurde, haben guten Grund, im Frühjahr eine Bestandsaufnahme zu machen. Klempner und Sanitärfachbetriebe können den Zustand der Leitungen endoskopisch prüfen und Materialproben nehmen. Die Kosten für eine solche Inspektion liegen je nach Umfang zwischen 80 und 300 Euro – ein überschaubarer Betrag gemessen an dem Informationsgewinn.
Praktische Maßnahmen für Hausbesitzer
Selbst wer nicht sofort Rohre austauschen möchte oder kann, hat einige wirksame Möglichkeiten, die Partikelbelastung im Trinkwasser zu reduzieren:
- Wasser morgens kurz ablaufen lassen: Nach einer Stillstandzeit von mehreren Stunden – etwa über Nacht – ist die Partikelkonzentration im Leitungswasser höher. Kurzes Ablaufenlassen (20–30 Sekunden) spült den stagnierenden Bereich aus der Hausinstallation.
- Trinkwasserfilter mit Mikrofiltration: Zertifizierte Auftischfilter oder Untertischschfilter nach DIN EN 1420 können Partikel ab 0,1 Mikrometer zuverlässig zurückhalten. Auf regelmäßigen Filterwechsel achten.
- Heizungsanlage entlüften und spülen: Im Frühjahr empfiehlt sich eine Spülung der Heizkreise durch einen Fachbetrieb, um abgelöstes Material aus dem Heizungswasser zu entfernen.
- Wassertemperatur bei Warmwasserbereitung prüfen: Warmwasserboiler sollten auf mindestens 60 °C eingestellt sein, um Legionellenwachstum zu verhindern – gleichzeitig erhöht dauerhafter Betrieb weit über 65 °C die Belastung der Rohre. Die empfohlene Betriebstemperatur sollte nicht dauerhaft überschritten werden.
Wann lohnt sich ein Rohraustausch?
Ein vollständiger Austausch der Hausinstallation ist ein erheblicher Eingriff und finanziell mit 5.000 bis 25.000 Euro für ein durchschnittliches Einfamilienhaus zu veranschlagen – je nach Wohnfläche, Zugänglichkeit der Leitungen und gewähltem Material. Dennoch gibt es Situationen, in denen dieser Schritt sowohl aus hygienischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll ist:
- Rohrleitungen aus den 1970er oder 1980er Jahren, die noch nie erneuert wurden
- Sichtbare Verfärbungen, verminderter Wasserdruck oder wiederkehrende Rohrbrüche
- Bevorstehende Kernsanierung oder größere Renovierung, bei der Wände ohnehin geöffnet werden
- Nachweis erhöhter Partikelwerte durch eine Trinkwasseranalyse (Kosten: ab etwa 50 Euro bei akkreditierten Laboren)
Wer neu baut oder saniert, sollte heute auf Materialien setzen, die in der Fraunhofer-Studie besser abgeschnitten haben: Mehrschichtverbundrohre, Edelstahlrohre oder Kupferrohre – wobei Kupfer bei sehr weichem Wasser wiederum eigene Anforderungen an die Wasserbeschaffenheit stellt.
Der Rat der Fachleute
„Die Studie ist kein Grund zur Panik, aber ein klares Signal, das Thema Hausinstallation ernster zu nehmen als bisher. Viele Eigentümer wissen gar nicht, welche Rohrmaterialien hinter ihren Wänden verbaut sind. Eine einfache Besichtigung durch einen Sanitärfachmann schafft hier Klarheit – und kostet weit weniger als eine unnötige Sorge über Jahre." So fasst es der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) in seiner aktuellen Stellungnahme zur Mikroplastikdebatte zusammen.
Gerade im Frühjahr, wenn Handwerksbetriebe die Nachfrage aus der Wintersaison abarbeiten und die Auftragsbücher sich neu füllen, lohnt es sich, Termine für Inspektionen frühzeitig zu buchen. Wer wartet, riskiert lange Wartezeiten bis in den Sommer hinein.
Rechtlicher Rahmen und Normen
In Deutschland regelt die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) in Verbindung mit der DIN EN 1717 und der DIN 1988 die Anforderungen an Trinkwasserinstallationen. Rohrmaterialien, die in Deutschland für die Trinkwasserinstallation zugelassen sind, müssen das DVGW-Zeichen (Deutschen Vereinigung des Gas- und Wasserfaches) tragen – ein wichtiger Qualitätsnachweis beim Kauf neuer Materialien. Vermieter sind darüber hinaus nach § 535 BGB zur Instandhaltung der Mietsache verpflichtet, wozu auch eine funktionierende und gesundheitlich unbedenkliche Trinkwasserinstallation gehört.
Wie erkenne ich, welches Rohrmaterial in meinem Haus verbaut ist?
In vielen Fällen lässt sich das Material an sichtbaren Leitungsabschnitten im Keller oder unter der Spüle ablesen: Grau-weiße Rohre deuten auf PVC oder PP hin, rötlich-braune auf Kupfer, silberne auf Stahl oder Edelstahl, und flexible beige oder weiße Rohre häufig auf PEX. Unsicherheiten klärt ein Sanitärfachbetrieb, der auch schwer zugängliche Leitungsabschnitte per Endoskop untersuchen kann. Im Zweifelsfall lässt sich das Baujahr der Installation oft aus dem Kaufvertrag oder dem Energieausweis des Hauses ableiten.
Ist das Leitungswasser trotz Kunststoffrohren sicher zu trinken?
Aktuell geht man davon aus, dass Leitungswasser aus zugelassenen Installationen in Deutschland unbedenklich ist. Die Trinkwasserverordnung schreibt strenge Grenzwerte vor, und das Umweltbundesamt stuft Leitungswasser weiterhin als eines der am besten kontrollierten Lebensmittel ein. Die Fraunhofer-Studie liefert jedoch Hinweise, dass bei alten oder beschädigten Kunststoffrohren ein erhöhtes Partikelaufkommen möglich ist – weshalb Vorsorge und regelmäßige Inspektion empfohlen werden.
Können Wasserfilter Mikroplastik zuverlässig entfernen?
Zertifizierte Mikro- und Ultrafiltrationssysteme mit einer Porengröße von 0,1 Mikrometer oder kleiner halten den Großteil der bisher nachgewiesenen Mikroplastikpartikel zurück. Wichtig ist, ausschließlich Geräte mit dem NSF/ANSI-Standard oder dem DVGW-Zertifikat zu wählen und die Filterkartuschen strikt nach Herstellerangaben zu wechseln – ein verbrauchter Filter kann selbst zur Quelle von Verunreinigungen werden.
Gibt es Förderprogramme für den Rohraustausch?
Die KfW-Bank fördert über das Programm „Bundesförderung für effiziente Gebäude – Einzelmaßnahmen" (BEG EM) energetisch relevante Maßnahmen an der Haustechnik. Ein reiner Rohraustausch aus Hygieneschutzgründen fällt in der Regel nicht darunter. Allerdings können kombinierte Maßnahmen – etwa der gleichzeitige Austausch von Heizungsrohren im Rahmen einer Heizungsmodernisierung – förderfähig sein. Regionale Förderprogramme der Bundesländer sollten ebenfalls geprüft werden; einige Länder bieten Zuschüsse im Rahmen der Sanierungsförderung an.
Sind Fußbodenheizungen mit PEX-Rohren besonders betroffen?
Fußbodenheizungen arbeiten in der Regel mit niedrigen Vorlauftemperaturen zwischen 30 und 45 °C, was die thermische Belastung der PEX-Rohre geringer hält als bei Warmwasserleitungen. Die eingebetteten Rohre sind zudem weitgehend vor mechanischem Abrieb geschützt. Kritischer ist in diesem Zusammenhang das Heizungswasser selbst: Es handelt sich um Betriebswasser, das nicht getrunken wird, sodass eine Mikroplastikbelastung dort keine direkte Relevanz für die Trinkwasserhygiene hat. Wichtiger ist, den Systemdruck und die Wasserqualität im Heizkreis regelmäßig zu kontrollieren.



